Schreibt einer noch Briefe?
Um die Jahrtausendwende war die Kommunikation noch kaum durch Emails geprägt; der gegenseitige Austausch erfolgte durch Briefe, die weniger spontan, aber oft gründlicher durchdacht waren als rasch in das digitale Endgerät getippte Nachrichten.
Hans Dieter Schäfer hat nun einen Band ausgewählter Briefe aus den Jahren 1999 bis 2003 vorgelegt, die trotz unterschiedlichster Adressaten ineinander verflochten sind, und wachen Auges die zunehmende Beschleunigung in vielen Lebenbereichen registrieren.
Wir können bestenfalls ein paar Zeichen setzen. Ausgewählte Briefe 2026. Fadenheftung, gebunden in blindgeprägtes Leinen. 104 Seiten, Erstausgabe, 28 Euro.
Leseprobe aus dem Nachwort
Die Briefe sind noch keine E-Mails, sie diskutieren private oder gesellschaftliche Probleme und zeigen, was der andere bedeutet. Die kritischen Worte von Christoph Meckel und Wulf Kirsten über meine Schreibweise sind immer auch Ausdruck der Sorge. Mehrfach signalisieren die Briefe eine Fortsetzung des Austauschs und hoffen auf eine Begegnung. Bald kappten viele der Empfänger die Verbindungen. Es wäre falsch, für diese Entwicklung allein die Technik verantwortlich zu machen. Lange vor dem Kurznachrichtendienst Twitter und der an Bildern reichen Plattform Instagram setzte ein Abbau der Dialogfähigkeit ein. „Briefe wie der Ihre sind in der Tat Eislöcher. Wie lange noch wird die Puste reichen?“, hatte Wulf Kirsten schon 1980 gefragt. „Hier [in der DDR] ist die Kommunikation unter Schriftstellern völlig abgebrochen.“
Eckhart Gillen schrieb nach der Lektüre:
Beim konzentrierten Lesen fällt auf, daß innerhalb der vorgegebenen Chronologie der Korrespondenz ein subtiles Verweissystem entsteht, das die Briefe zu einer Erzählung verbindet, deren Dramaturgie die verschiedenen Ebenen des privaten und literarischen Lebens mit den politischen Ereignissen der Jahrtausendwende verbindet. So ist die Lektüre kurzweilig und liest sich wie ein Porträt zwischen selbstbewußtem Werkstattbericht und Zweifeln an der Wirkung auf die Gesprächspartner, von denen Kritik und Bestätigung erwartet wird, um sich weiterentwickeln zu können. In einer Welt der Fälschungen und Lügen (geschrieben 2002!) wollte der Autor „die Wirklichkeit beim Namen nennen“. Wie ein melancholischer basso continuo begleitet diese Nichtwahrnehmung der Wirklichkeit die Briefe.