Péter Nádas ist tot
Rufen Sie an bei uns, wenn Sie nicht mehr weiterwissen, hatte Péter Nádas vorsorglich in seiner Email geschrieben, bevor der Verleger sich vor gut zwanzig Jahren zusammen mit seinem Haustypographen Mirko Albrecht auf die Fahrt nach Ungarn machte, im Gepäck den 32 Seiten umfassenden und 110 Kilo schweren Signierbogen unseres ersten gemeinsamen Buches Heute. Im Verlauf unserer Reise in das Dorf nahe der österreichischen Grenze wurden die Straßen immer schmaler, frisch gefallener Schnee lag zuletzt auf einem Weg, der uns in ein dichtes Waldstück hineinführte, es dämmerte und unser Mobiltelephon hatte längst keinen Empfang mehr.
Gerade wollten wir umkehren, da leuchtete aus dem Dickicht ein Ortsschild. Gombosszeg stand darauf, der Ort des Autors. Sein Haus erkannten wir an dem mächtigen Wildbirnbaum, der über die Hecken des niedrigen Backsteinbaus blickt und den er jahrzehntelang in Wort und Bild dokumentierte.
Über Kopfsteinplaster und Gartensteine trugen wir die Palette in das Arbeitszimmer hinein, wo uns Péter Nádas mit den Worten begrüßte, wir seien die ersten Besucher aus Deutschland, die es ohne anzurufen zu ihm nach Hause geschafft hätten und er wüßte nun gerne, wie wir zu ihm gefunden hätten. Über das Internet hatte ich mir eine Wegbeschreibung ausgedruckt, seitenweise untereinandergeklebt - die Rolle war zwei Meter lang geworden. Péter Nádas studierte sie mit immer größerem Schmunzeln und lachte zuletzt: Ja, so kann man auch nach Gombosszeg kommen, aber das ist kein Weg im Winter, so geht man zu Fuß! Das Signieren der vierhundert Bögen dauerte bis in den nächsten Vormittage und wurde durch ein Abendessen unterbrochen, nach dem der Bleistift en passant über das Papier glitt und wir uns durch Literatur, Zeit und Leben sprachen.
Auf diesen ersten Besuch folgten weitere gemeinsame Editionen und alle paar Jahre wieder kam ich nach Gombosszeg, mehrmals auch zusammen mit Susanne Theumer. Den Weg zu finden war Kinderspiel, im Niemandsland kein Funkloch mehr, und als wir den Wagen vor dem Haus abgestellt hatten, winkte Péter Nádas aus der Krone eines Aprikosenbaums heraus, den er gerade aberntete. Dann führte er uns über die Grenzen seines ausgedehnten Grundstücks (ein Indianerzelt stand dort am Ufer eines Baches) durch sein Dorf und wir wanderten in sich weitendem Radius um Gombosszeg. Aus diesem Streifzug heraus ergab sich das nebensehende Bild, doch auch ein Buch mit Texen über Gombosszeg, das Susanne Theumer mit kleinformatigen Kaltnadelradierungen begleitete, die sie unmittelbar in die Kupferplatte gearbeitet hatte.
Wer Péter Nádas begegnen konnte und mit ihm sprach, dem öffnete sich ein großer Raum. Selten traf ich einen Menschen, der so im Gespräch auf den anderen einging und die Grenzen seines Gegenübers ganz unaufdringlich und behutsam erweiterte durch sein erstaunliches Wissen und seine Fähigkeit,in klarer Diktion die unterschiedlichsten Phänomene zueinander in Beziehung zu setzen. In unseren Unterhaltungen ging es immer wieder auch um die letzten Dinge; Péter Nádas hatte dazu einen ungewöhnlichen Erfahrungsvorsprung. In seiner Erzählung Der eigene Tod, zu dem Susanne Theumer kongeniale Graphiken geschaffen hat, schildert er die Umstände seines klinischen Todes minuziös und packend auf eine Weise, die er, wie er berichtete, mittels psychoanalytischer Techniken gewonnen hatte.
Heute Vormittag, ab 26. August 2026 ist Péter Nádas zum zweiten Mal gestorben. In seinen Büchern und Bildern wird man noch lange diesen Raum erahnen, der ihn bewegte und in dem er sich bewegt hat.